Tatjana Hinkebecker

Autorin


Drei unterschiedliche Kurzgeschichten, die alle auf die eine oder andere Weise tragisch sind.

Der Kinderfreund

Liebstes Tagebuch

Ich bin voll aufgeregt. Du kennst doch Hannes Diehsel, der ist seit letztem Jahr der Fahrer unseres Schulbusses. Er kam noch nie zu spät und war noch nie krank, so wie der schräge Typ vorher, daher hat er bei den Erwachsenen ein Stein im Brett. Bei uns auch, aber aus anderen Gründen. Er ist echt der Hammer!!!

Er begrüßt die Jungs immer mit, „Na, Sportsfreund“ und uns Mädchen mit, „Hallo Prinzessin“, woraufhin einige immer doof kichern. Völlig albern. Die schminken sich sogar extra wegen ihm. Dabei interessiert ihn dieser Weiberkram nicht die Bohne. Er mag es natürlich, hat er mir mal verraten.

Wenn er lacht, kann man gar nicht anders als mitzulachen, selbst wenn der Tag noch so blöd war. Es kommt bei ihm ganz tief aus dem Bauch heraus. Er ist so ganz anders als die anderen Erwachsenen, er hört einem richtig zu und versteht. Seine Tipps sind klasse und er wirkt nie gestresst oder überheblich. Wir dürfen ihn auch duzen und Hannes nennen. Seit er uns den geheimen Ort beim Weiher verraten hat, treffen wir uns immer dort zum Schwimmen oder um im angrenzenden Wald Verstecken zu spielen. Er hat mit uns zwischen den großen Eichen eine gemütliche Bretterbude gebaut, die jetzt unser Hauptquartier ist. Wir haben alte Matratzen und Kissen angeschleppt und Poster an die Wand gepinnt. Richtig gemütlich.

Hannes hat uns auch einen alten Kassettenrecorder mit Batteriefach geschenkt. Er ist ein echter Kumpel und immer mit dabei. Letztens hat er uns sogar gezeigt, wie man aus Haselnusszweigen eine Angelrute macht und im Weiher Schleien und Karpfen fängt, sie schmerzfrei tötet und ausnimmt, um sie dann über einem Feuer zu braten. Das war zwar krass lecker, aber beim Ausnehmen musste ich weggucken. Würg!

Gestern haben wir Stockbrot gebacken. Hannes hat neben mir gesessen, ganz nah. War irgendwie schön. Er weiß die tollsten Geschichten zu erzählen, über die Sterne, das Leben und die Abenteuer, die er als junger Mann erlebt hat, als er mit dem Rucksack on Tour war, wie er es nennt. Er hat mich gefragt, ob ich morgen, also heute mit ihm in der Hütte übernachten wolle, dann könne er mir noch mehr Geschichten erzählen. Ich war und bin hin und weg. Klar wollte ich.

Ein paar von den älteren Jungs, wozu auch mein Bruder Arne gehörte, haben hier schon mal diesen Sommer mit Hannes übernachtet. Ich war voll neidisch, denn ich durfte nicht mit. Als wäre ich ein Baby, wegen den paar Jahren die ich jünger bin.

Aber Arne ist die Übernachtung zu Kopf gestiegen. Seitdem fühlt er sich scheinbar sehr erwachsen und führt sich als mein Bestimmer auf. Da will er mir doch verbieten weiter zum Weiher zu gehen. Das sei nix für mich, meint er. Er hetzt auch unsere Eltern auf. Er ist richtig komisch geworden. Wir haben früher so viel miteinander gelacht und hatten jede Menge Spaß, aber jetzt sitzt er alleine in seinem Zimmer, hört laute Musik und malt düstere Bilder. Richtig abgedreht. Er machte auch so Andeutungen wegen Hannes, aber so richtig rückte er nicht raus. Wahrscheinlich ist er nur eifersüchtig, weil Hannes und ich uns so gut verstehen.

Das habe ich auch Hannes erzählt gestern, er meinte, dass Arne bestimmt Pubertät hat, dann wird man so blöd im Kopf, weil man erwachsen wird. Außerdem spinnt man sich da schräge Sachen zusammen. Aber das ginge auch wieder vorbei. Dann hat er gegrinst und mir den Oberarm geknufft und gemeint, dass ich das sicher auch noch bekommen werde, ob ich denn schon was merken würde.

Lustig finde ich das eigentlich nicht, denn wenn so Pubertät ist, dann will ich das erst gar nicht haben.

Ich bin so aufgeregt. Ich habe meine Eltern einfach in dem Glauben gelassen, ich schlafe bei meiner Freundin. Aber in Wirklichkeit schlafe ich natürlich beim Weiher, bei Hannes. Was die nicht wissen, kann sie nicht aufregen. Und wie gesagt, ich bin mit elf kein kleines Kind mehr. Hannes fand die Idee auch super. Er sagt, man müsse eigene Entscheidungen treffen im Leben. Ich würde es jedenfalls nicht bereuen.

Als ich dann eben mit dem Rucksack los bin, kam mir Arne entgegen. Ich habe mich schnell hinter einem geparkten Auto versteckt. Er schlich mit hängenden Schultern vorbei und schien so traurig. Wenn ich morgen nach Hause komme, werde ich mal zu ihm gehen, vielleicht erzählt er mir dann von seinem Kummer. Dafür hat man doch Geschwister.

So, ich muss aufhören, da kommt gerade Hannes um die Ecke.

Das wird sicher eine unvergessliche Nacht.

Deine aufgeregt glückliche Miriam


Im nächsten Leben  Katze

 

Ich beobachte sie nun schon seit Tagen durch ihr kleines, weißes Fenster, das zum Garten hinaus zeigt.

Alles an ihr ist gigantisch, und das nicht nur im eigentlichen, körperlichen Sinn. Ich werde jedes Mal ganz starr wenn sie sich meinem Beobachtungsposten nähert. Teils aus Angst, sie könnte mich entdecken und vertreiben, teils aus dem sehnsüchtigen Verlangen, sie möge mich doch endlich wahrnehmen.

Oh, wie geschmeidig ihre Bewegungen sind und das mit ihrem unterentwickelten Körperbau. Wie zärtlich ihre riesigen Hände sein können, wenn sie das Monster streichelt. Ob sie mich jemals so zart berühren könnte wie … Oh, mir werden alle Beine weich bei der Vorstellung. Vielleicht würde sie aber auch bei meinem Anblick schreien und um Hilfe rufen, so wie es fast immer ist, wenn ich auf das weibliche Menschengeschlecht treffe.

Jeden Abend, wenn sie zu Bett geht, renne ich von einem Fenster zum anderen, nur um nichts von ihr zu verpassen. Diese Gestalt, diese Anmut. Noch nie habe ich so empfunden bei einem Wesen mit so wenigen Beinen. Manchmal denke ich, dass sie mich spürt. Suchend wandert dann ihr Blick zum Fenster, doch ich bin ein Meister der Tarnung und noch nicht bereit, mich ihr zu zeigen, so hat sie mich bisher nicht entdeckt. Einen besseren Blick dagegen hat ihr haariger Mitbewohner, diese wandelnde Katastrophe auf vier Beinen, diese gefähr-liche, immer grinsende Todesmaschine, der Alptraum eines jeden rechtschaffenden Spinnentieres. Erst gestern, hat mich die tödliche Präzision ihrer Pfote, fast tot umfallen lassen. Mein Glück, dass eine doppelt verglaste Fensterscheibe zwischen ihr und mir lag, als sie mich so hinterlistig angriff und zuschlug. Während ich vor Schreck gelähmt am Fenster klebte, und zu nichts mehr in der Lage war, zog sie ihre Pfote genussvoll, mit glitzernden Augen und quietschenden Krallen die Scheibe herunter und leckte sich dabei, die fiese Schnauze. Es war wie ein Versprechen "Bursche, Dich bekomm ich noch".

Was ist das denn? Mit einem Satz springt dieses Klauentier zu meiner Angebeteten und lässt sich auf ihrem Schoß nieder. Oh, welche Schmach. Oh, Neid. Oh, Wut. Oh, welch ein Hass in mir brodelt, wie liebevoll sie das Fell dieses Untieres streichelt, mit diesen schmalen, zarten, riesigen Fingern.

Was ist mit mir, Menschenfrau, auch ich habe Haare zum kraulen. Was würde ich alles dafür geben, würdest Du mich nur einmal so verwöhnen. Eines ist mir nun klar, ich muss da rein. Ich muss zu ihr. Muss mich ihr zu erkennen geben und mich ihrer Gnade ausliefern. Ja, sie kommt zum Fenster und öffnet es. Oh, wem auch immer, ich danke Dir. Das ist ein Zeichen. Bald Geliebte bin ich Dein. Ich werde Dir nun meine Liebe offenbaren. Es gibt kein zurück.

Mit einem kühnen Sprung schaffe ich es noch, mich vor ihr aufzubauen. Mit glänzenden Augen und vor Erregung gesträub-ten Haare, in meiner ganzen achtbeinigen Schönheit. Ich strecke ihr zum Gruß meine vier vorderen Beine entgegen. Oh Geliebte, mach mit mir, was immer Du willst. Küss mich. Ich bin Dein.

Die liebliche, zarte Hand, die mich eigentlich liebkosen sollte, nahm nach gelungenem Schlag, ein Tuch und wischte meine zermantschten Überreste, mit einer schnellen Bewegung vom Fensterbrett. Dann schmiss sie alles, was an mich erinnert, in den Müll und setzte sich wieder mit diesem Katzenuntier in den Sessel, um es weiter ausgiebig zu verwöhnen.

Ich glaube, ich habe einen Entschluss gefasst, ich werde in meinem nächsten Leben eine Katze.


Ich bin - Aber nicht allein

 

Ich hatte angenommen, dass es bei dem Termin mit meinem Chef um einen der Aufträge vom Vorabend ging, stattdessen saß er nun vor mir, spielte mit einem silbernen Brieföffner, den ich schon oft bewundert hatte und sah mich schweigend mit unergründlicher Miene über seine Brille hinweg an. Seine Lippen waren zu zwei schmalen Strichen zusammengepresst.

Seit einem Jahr arbeitete ich in der Spedition im Lager mit Kollegen unterschiedlicher Nationen. Das harmonierte mal mehr und mal weniger gut.

Sollte sich von denen mal wieder einer über mich beschwert haben? Ich faltete die Hände in meinem Schoß und starrte, ebenfalls schweigend, auf die schäbige, braune Schreibtischunterlage, auf der meine Personalakte lag.

Aus den Tiefen meines Kopfes hörte ich laut Frankys ätzende Stimme.

„Mann, der alte Sack klaut uns unsere Lebenszeit. Lass uns gehen, Loser.“

„Franky, sei still!“, zischte ich innerlich.

„Komm schon, Weichei, der will dich genauso fertig machen wie Vater. Los, steh auf und lass uns gehen, der Typ nervt.“

Dieser innere Kampf mit Franky um die Herrschaft über meinen Kopf, meinen Körper, war Kräftezehrend. Seit er meinen Vater getötet hatte und wir mit unendlich viel Glück durch das Netz der Polizei geschlüpft waren, hatten Mia und ich ihn weitestgehend unter Kontrolle. Das heißt, solange ich auf der Hut und emotional stabil war.

Mein Chef räusperte sich, legte den Brieföffner zur Seite und öffnete die Akte. Sie war ganz schön dick.

„Herr Cramer. Mir sind einige unerfreuliche Dinge zu Ohren gekommen. Einige ihrer Kollegen haben sich wiederholt über Sie beschwert. Was sagen Sie dazu?“

Ja, was sollte ich dazu sagen? Ich hatte nicht den leisesten Schimmer, wovon mein Chef sprach und worum es gehen könnte. Na ja, okay, Franky war das ein oder andere Mal an die Oberfläche gebrochen, aber dass sie deswegen jetzt so einen Stress machten? Ich hatte ihn doch relativ schnell wieder unter Kontrolle bekommen.

Mia und Franky diskutierten im hinteren Teil meines Kopfes, aber ich verstand nicht worum es ging.

„Nun, Herr Cramer? Möchten sie sich nicht zu diesen Vorwürfen äußern?“ Seine Stimme nahm einen schneidenden Ton an.

„Ich weiß nicht recht, Herr Willig. Was genau soll ich denn getan haben?“ Meine Stimme war zaghaft, es klang wie ein Schuldeingeständnis. Durch meine Unsicherheit hindurch drängte sich Franky nach vorne in mein Bewusstsein.

„Mann, Alter…!“ Weiter kam er nicht. Mia und ich schoben Franky zurück.

„Herr Cramer, ich muss doch sehr bitten.“ Herr Willig sah mich brüskiert an und schlug meine Akte heftig zu.

„Sie scheinen zu vergessen, wen Sie vor sich haben.“ Energisch stand er auf.

Ich hob begütigend meine Hände.

„Herr Willig, es tut mir leid. Mir rutschen manchmal Sachen heraus, die ich eigentlich nicht sagen will.“

Ich fühlte mich richtiggehend elend. Ich konnte doch nichts für Frankys Verhalten und doch musste ich für den Mist, den er anstellte, immer geradestehen. Ich wollte doch nur in Ruhe leben. Alles drohte über mir zusammenzubrechen.

„Mann, Loser, mach dir doch nicht in die Hose. Gott, was kotzt mich dein Gejammer an. Kein Wunder, dass Vater jede Nacht zu dir kam. So was Jämmerliches wie du muss doch auf Kurs gebracht werden!“

Franky lachte verächtlich und es war, als stoße er mir ein glühendes Messer in die Brust. Innerlich klappte ich zusammen. Franky hatte ja recht, ich war ein jämmerliches Nichts.

Franky nutzte meine Schwäche blitzschnell aus und stieß mich zur Seite. Herrn Willigs Augen wurden erst groß vor Schreck, dann quollen sie ihm aus den Höhlen als Frankys Hände sich wie ein Schraubstock um seinen Hals schlossen.

„Nein, tu es nicht Franky!“ Mia schrie wie von Sinnen.

Es hatte wie immer still zugeschaut, rutschte jetzt ein Stück auf dem nackten Boden zur Seite und klopfte einladend auf den freien Platz neben sich. Ich war hin und her gerissen zwischen Resignation und Wut. Sollte ich mich zu Es setzen? Dann täte es nicht mehr weh und ich müsste mich nicht mehr bemühen mein Leben in den Griff zu bekommen. Alles würde an mir abperlen wie Schmutz von einer Seerose. Oder sollte ich Franky aufhalten? Doch dann müsste ich einen Schritt weiter gehen und mir Hilfe holen. Das würde viel Anstrengung und Kraft kosten.

Das leise Gurgeln, das zwischen seinen lilafarbenen Lippen hervordrang und sein verzweifelter Blick gaben den Ausschlag. Mit ungeahnter Kraft stieß ich Franky zurück und zwang ihn, seine Hände vom Hals meines Chefs zu nehmen. Willig sackte zusammen wie ein Ballon, aus dem die Luft entwich. Unter Frankys irrem Gekicher versuchte ich meinem Chef wieder auf die Beine zu helfen, der aber schlug meine Hände auf Seite.

„Sie Wahnsinniger …“, krächzte er unter heftigem Husten. „Verlassen Sie … augenblicklich mein Büro und verschwinden Sie“, schwer rang er nach Luft, „sie sind gemeingefährlich und gehören weggeschlossen!“

Ich betrachtete Herr Willig traurig. Ja, er hatte Recht. Gegen Franky kamen Mia und ich nicht mehr alleine an. Wir brauchten Hilfe.

Ich hörte Mias Schrei, dann wurde alles schwarz um mich herum.

Als ich wieder erwachte, lag ich auf einem schmalen Bett in einem fremden Zimmer. Der an der Wand befestigte Flachbildfernseher zeigte gerade eine blonde Nachrichtensprecherin, die bekümmert in die Kamera schaute, während sie von ihren Notizen ablas.

„In der Mordsache um den Spediteur Friedrich Willig, der letzte Woche von einem seiner Angestellten mit einem Brieföffner getötet wurde, ist das zuständige Sondereinsatzkommando einen Schritt weiter gekommen. Nach neuesten Erkenntnissen befindet sich der Täter im Olper Raum. Sachdienliche Hinweise nimmt die ….“

Ich starrte auf das Fahndungsfoto, das nun im Großbildformat gezeigt wurde und sah - in mein Gesicht.

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